Stefan Kooths: "Hier spielt die Zeit gegen alle Beteiligten"

Interview

Ökonom zum "Herbst der Reformen":"Hier spielt die Zeit gegen alle Beteiligten"

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Der Kanzler hält den Sozialstaat für nicht mehr finanzierbar. Bei ZDFheute live erläutert Ökonom Stefan Kooths mögliche Reformen bei Bürgergeld, Rente und Krankenversicherung.

Ökonom Stefan Kooths.

"Es braucht jetzt ein klares Signal, insbesondere in der Rentenversicherung", meint der Ökonom Stefan Kooths.

30.08.2025 | 21:25 min

Deutschland kämpft mit schwachem Wirtschaftswachstum, hohen Sozialabgaben und einer alternden Bevölkerung. Gleichzeitig steigt die Gefahr, dass Fachkräfte auswandern, die das Land dringend benötigt.

Schuld daran sei auch der Staat, der immer weiter an der Steuerschraube drehe, glaubt der Ökonom Stefan Kooths. Dabei könnten gezielte Wirtschaftsreformen gerade den Schwächsten zugutekommen und die Arbeitsanreize wieder stärken, sagt der Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Er fordert Reformen bei Rente und Krankenversicherung und warnt vor einer höheren Erbschaftssteuer.

Wir haben ein Problem der politischen Umsetzung und hier spielt die Zeit gegen alle Beteiligten. Das heißt, es kommt jetzt auch darauf an, dass wir zügig zu diesen Reformen kommen und sie nicht auf die lange Bank schieben.

Stefan Kooths, Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft

Sehen Sie oben das Gespräch in voller Länge oder lesen Sie es hier in Auszügen. Das sagt Wirtschaftsexperte Kooths …

… dazu, warum der Sozialstaat Arbeitsanreize schwächt

Kooths warnt davor, dass steigende Abgaben die Motivation zur Erwerbsarbeit zunehmend untergraben. Besonders kritisch sei die Ausgestaltung der Krankenversicherung: Ihre Beiträge wirkten faktisch wie eine Steuer, da sie einkommensabhängig erhoben würden - unabhängig davon, ob und in welchem Umfang Leistungen in Anspruch genommen werden.

"Insbesondere für die unteren Einkommensgruppen gibt es immer noch über 1.000 Euro breite Schneisen in allen denkbaren Haushaltskonstellationen, wo sich ein zusätzliches Bruttoeinkommen nicht in höherem Nettoeinkommen widerspiegelt", sagt Kooths.

Das ist ein klarer Fehlanreiz.

Stefan Kooths, Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft

Ursprünglich sei die Idee gewesen, dass leistungsfähigere Menschen einen größeren Beitrag leisten. Heute jedoch führe dieses Prinzip zu sinkenden Anreizen, überhaupt oder mehr zu arbeiten. Dabei brauche Deutschland genau das Gegenteil: stärkere Impulse für längere Erwerbsphasen, eine höhere Arbeitsintensität und mehr Attraktivität für qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland.

Andernfalls wachse insbesondere für mobile Leistungsträger der Reiz, das Land zu verlassen. "Wir brauchen mehr Arbeitsanreize - nicht weniger", betont Kooths.

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… dazu, was sich bei der Rente ändern muss

"Der Sozialstaat ist insbesondere nicht vorbereitet für die demografische Alterung", bemerkt Kooths. Das würde in den nächsten zehn Jahren spürbar werden - mit zunehmenden Ausgaben und immer weniger Einnahmen. Auf Dauer könne auch eine Staatsverschuldung nicht aushelfen, es brauche umfangreiche Reformen.

Es braucht jetzt ein klares Signal, insbesondere in der Rentenversicherung, dass wir hier zu einem fairen Ausgleich zwischen den Generationen kommen.

Stefan Kooths, Ökonom

Da die Menschen immer länger leben, müsse das faktische Renteneintrittsalter angepasst werden. Besonders um diejenigen zu beteiligen, die auch in der Lage sind, länger zu arbeiten.

Die Entwicklung der demografischen Situation sei "von langer Hand vorhersehbar" gewesen, so Kooths. Aushelfen könnte das Wiedereinsetzen des Nachhaltigkeitsfaktors, welcher bis 2031 außer Kraft gesetzt worden ist.

Schaltgespräch Johannes Winkel

Das beschlossene Rentenpaket sei "kein guter Tag für die Generationengerechtigkeit". Keiner brauche Angst vor den Boomern zu haben, sagt der Chef der Jungen Union, Johannes Winkel.

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… dazu, warum er gegen eine höhere Erbschaftssteuer ist

Aus seiner Sicht würde eine höhere Besteuerung vor allem Betriebsvermögen treffen. Das entziehe Unternehmen Kapital, das für Investitionen dringend gebraucht werde. Weniger private Investitionen schwächten langfristig die Produktivität - und damit auch die Löhne.

Der Staat sei kein besserer Investor als Unternehmen und könne die entstandenen Lücken nicht sinnvoll schließen. Würde das Geld lediglich in den Sozialstaat fließen, werde "der Kapitalstock aufgebraucht", warnt Kooths. Auf Dauer schade das der Mittelschicht, statt sie zu entlasten.

Wir müssen den Standort attraktiver machen für Investitionen aus der übrigen Welt, um sie nach Deutschland zu ziehen - damit hier mehr investiert wird und nicht weniger.

Stefan Kooths, Ökonom

... zur Zukunft der deutschen Wirtschaft

Kooths sieht trotz der aktuellen konjunkturellen Flaute gute Chancen für die deutsche Wirtschaft. Sobald die ökonomische Dynamik wieder anzieht, könnten sich Arbeitsmärkte schnell wieder verengen und Löhne deutlich steigen, deutlich schneller als nach den Reformen der frühen 2000er-Jahre.

Voraussetzung sei, dass Politik und Wirtschaft aus dem Nullsummen-Denken ausbrechen und auf gemeinsame Reformen setzen, von denen alle profitieren. Dann könnten strukturelle Verbesserungen zügig bei den Arbeitnehmern ankommen und die Wirtschaft insgesamt gestärkt werden.

Das Interview führte ZDF-Moderator Christian Hoch für ZDFheute live. Zusammengefasst hat es Paula Colberg.

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